Berichte aus dem Kölner Stadt Anzeiger, 30.08.2005

 

Störfeuer vor dem Schaupaddeln

Heute beginnen in Köln die Deutschen Meisterschaften der Kanuten

Weltmeisterin Katrin Wagner-Augustin fordert den Rücktritt von Ausnahmeathletin Birgit Fischer.

VON SUSANNE ROHLFING

Köln - Ein glanzvolles Schaupaddeln hätten die Deutschen Meisterschaften der Kanuten werden können. Doch nun wird das beste deutsche Weltmeisterschaft-Ergebnis (zehnmal Gold, fünfmal Silber, dreimal Bronze) aller Zeiten von der unschönen Auseinandersetzung zweier Leistungsträgerinnen überschattet. Dreifach-Weltmeisterin Katrin Wagner-Augustin aus Potsdam hatte der achtfachen Olympiasiegerin Birgit Fischer in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" den Rücktritt nahe gelegt. Die 27-Jährige wurde mit den Worten zitiert: "Es reicht, Birgit sollte gehen." Und: "Der Schatten, den sie wirft, ist gigantisch, man hat den Eindruck, Birgit Fischer ist der deutsche Kanu-Sport und umgekehrt."
Wagner-Augustin ist für die heute in Köln auf dem Fühlinger See beginnenden Titelkämpfe gemeldet, Fischer hatte sich schon vor dem großen Zwist aufgrund von Verpflichtungen in ihrer Kanuschule abgemeldet. Sie sei "enttäuscht und traurig" ließ die 43-Jährige nach dem Bekanntwerden der wenig freundlichen Äußerungen Wagner-Augustins verlauten. Dabei war eine durch Krankheit und Verletzungen durchwachsen geratene Saison für sie bei der WM in Kroatien mit zweimal Bronze im Zweier (200 m) und im Vierer (1000 m) durchaus erfreulich zu Ende gegangen. Statt glücklich und zufrieden fühle sich die Brandenburgerin nun jedoch "wie benutzt und weggeworfen".
Wagner-Augustin ist dreifache Olympiasiegerin, alle drei Goldmedaillen hat sie in Booten gewonnen, in denen auch Birgit Fischer saß. Ihre Titel im Kajak Einer (1000 m) und Kajak Vierer (500 und 200 Meter) bei der WM in Zagreb sind die ersten, an denen ihre langjährige Zimmergenossin nicht beteiligt war. Die 27-Jährige aus Potsdam vertritt ihre Meinung gern vehement und schießt dabei mit impulsiven Äußerungen auch schon mal über ihr Ziel hinaus. Das hat in der Vergangenheit bereits der ehemalige Frauentrainer Detlef Hummelt zu spüren bekommen, der unter anderem von Wagner-Augustin in einem Trainingslager heftig kritisiert worden war. Für ihren verbalen Fehltritt in Sachen Birgit Fischer entschuldigte sich Wagner-Augustin und beteuerte, dass sie die Aussagen nicht so drastisch getroffen habe. Sie seien zugespitzt worden. Davon, dass die Auseinandersetzung der beiden Spitzenathletinnen in der Heimat für mehr Aufmerksamkeit sorgt als die WM-Erfolge, lässt sich DKV-Sportdirektor Jens Kahl unterdessen die Freude nicht verderben: "Die Stimmung im Team ist super, wir haben eine perfekte WM mit einem Rekordergebnis abgeschlossen, was interessieren mich da die Streitigkeiten von zwei Damen." Kahl selbst ist weit davon entfernt, Fischer zum Rücktritt zu raten. "Birgit ist der Maßstab im DKV, wer nicht an ihr vorbeifährt, hat nicht das Recht, in der Mannschaft zu sein", sagt er. Er bescheinigt der Ausnahmeathletin zudem ein "korrektes und professionelles" Verhalten. Weil Fischer verletzungsbedingt nicht an den WM-Ausscheidungen hatte teilnehmen können, war ihr vom DKV die Möglichkeit eingeräumt worden, sich beim Weltcup in Duisburg noch zu qualifizieren. Fischer nutzte ihre Chance und habe "ohne Murren und Knurren", so Kahl, akzeptiert, dass sie bei der WM in Kroatien lediglich in den nichtolympischen Bootsklassen eingesetzt wurde. Olympia 2008 in Peking ist für Fischer auch nach dem Angriff Wagner-Augustins ein Thema. Der "Welt" sagte sie: "Den Mut zu haben, neue Grenzen zu finden, ist nicht jedermanns Sache - aber eben meine."
Bei den nationalen Titelkämpfen in Köln fehlt neben Fischer auch Doppelweltmeister Andreas Dittmer. Der Sieger über 500 und 1000 Meter im Canadier Einer gönnt sich nach dem Saisonhöhepunkt Urlaub. Ansonsten hat sich das komplette WM-Team angekündigt.

 

 

 

Zum Auftakt der deutschen Kanu-Meisterschaften siegen in Köln die Favoriten

 

 

 

Der Sprinter und das Arbeitstier

Tim Wieskötter und Ronny Rauhe sind Olympiasieger, Welt- und Europameister - aber sie wollen mehr.

VON SUSANNE ROHLFING

Köln - Seit 2001 haben die beiden Kajakfahrer Ronald Rauhe und Tim Wieskötter aus Potsdam bei keinem internationalen Großereignis einem anderen Zweier über 500 Meter den Vortritt gelassen. Sie sind Olympiasieger, Weltmeister und Europameister. Der letzte Titelgewinn bei der WM im kroatischen Zagreb ist erst drei Tage her. Doch jetzt hofft das Duo auf den großen "Show-down" (Wieskötter). Bei den Deutschen Meisterschaften der Kanuten auf dem Fühlinger See in Köln wollen sie über 1000 Meter die WM-Zweiten über diese Distanz, Andreas Ihle und Marco Herszel aus Magdeburg, ein bisschen ärgern.
"Andreas und Marco wissen zwar noch nicht, ob sie sich trauen", sagt Wieskötter. Die Potsdamer aber werden am Start liegen, wenn am Donnerstag um 12.45 Uhr ihr Vorlauf über 1000 Meter gestartet wird. Das große Duell würde dann am Freitag um 16.15 Uhr im Endlauf stattfinden. "Dann wäre die Tribüne bestimmt voll", sagt Rauhe.
Richtig leer waren die Zuschauerränge an der Kölner Regattabahn aber auch am ersten Tag der nationalen Titelkämpfe nicht. Bei idealem Kanu-Wetter wurden am Dienstag die Meister über die 200 Meter ermittelt, und Rauhe/Wieskötter wurden ihrer Favoritenrolle mit einem souveränen Sieg gerecht. Rauhe sicherte sich zudem Gold im Einer. Der 24-Jährige ist der Sprinter des erfolgreichen Duos, Wieskötter, 26, ist mehr der Ausdauertyp. Canadier-Olympiasieger Christian Gille beschreibt seine Teamkollegen wie folgt: "Ronny zieht das Boot beim Start raus, und auf der Strecke ist Timmi dann das Arbeitstier."
Ein Team sind die beiden Sportsoldaten seit 1999. Der vierfache Junioren-Weltmeister Rauhe aus Berlin bekam damals bei der WM in Mailand seine erste Bewährungschance bei den Senioren: Im Zweier mit Wieskötter, der 1998 von Emsdetten nach Potsdam zur Sportfördergruppe der Bundeswehr gewechselt war, sprang dabei Platz sechs heraus. Nur ein Jahr später wurde das Duo Europameister und gewann bei Olympia in Sydney Silber. "Wir waren auf Anhieb das Schnellste, was es bis dahin gab", sagt Wieskötter. Seither erzielt der Zweier einen Erfolg nach dem anderen. Die Sponsoren stehen zwar nicht gerade Schlange, "aber für Kanuten geht es uns relativ gut", sagt Rauhe.
In dieser Saison hatten ungewohnte Krankheitssorgen das Duo geplagt. Ein hartnäckiger Virus und ein entzündeter Brustwirbel quälten Wieskötter, Rauhe laborierte an einer Sehnenscheiden- und einer Schleimbeutelentzündung. "So etwas hatten wir noch nie, es war, als hätte sich der Körper das alles aufgespart, bis Olympia vorbei war", sagt er. Eine Pause kam für die beiden Potsdamer nicht in Frage, "man ist doch dann erfolgssüchtig", sagt Wieskötter. Anzusehen ist ihm das nicht. Entspannt sitzt er in einem Campingstuhl vor dem Wohnmobil. Aber es wird wohl die Wahrheit sein, denn auch bei der WM in Zagreb riss die Erfolgsserie nicht. "Das ist ganz schön gigantisch", gibt Wieskötter zu, "wir sind selbst überrascht, dass es so lange so gut geht."
Nach dem erhofften "Show-down" in Köln gegen Ihle/Herszel wollen sich Rauhe/Wieskötter auch international über die 1000-Meter-Distanz etablieren. Ihr Traum ist der WM-Titel über beide Strecken. Das hat bisher kaum ein Team geschafft. "Dann würden wir in den Geschichtsbüchern stehen", sagt Wieskötter - und grinst. Wer bereits alle Titel hält, die es zu gewinnen gibt, muss eben nach Höherem streben.